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Cognitive Bias Kognitive Verzerrungen im Arbeitsalltag anpacken

„War doch klar, das konnte gar nichts werden!“ - War es das?

Stell dir einmal folgende Szene vor: 

Liesel ist Mitarbeiterin in einer großen Marketingagentur und bekommt von ihrer Chefin Christiane die Aufgabe, innerhalb einer Woche eine Social Media Strategie für einen wichtigen Kunden vorzubereiten.

Liesel hängt sich voll rein, macht Überstunden, recherchiert, was das Zeug hält und kommt am dritten Tag mit einer fertigen Strategie um die Ecke.

Der Kunde ist zunächst zufrieden und die Strategie wird in Kooperation der beiden Unternehmen umgesetzt.

Nach drei Wochen aber das böse Erwachen. Die Strategie ist gefloppt und die Views, Klicks und Likes in den Keller gesunken.

Beim kommenden Daily berichtet Liesel ganz traurig davon und bekommt von Christiane den Spruch gedrückt: „War doch klar, das konnte gar nichts werden!“ – doch war es das?

Warum hat Christiane, wenn sie es doch schon gewusst hat, nicht früher eingegriffen und Liesel unterstützt?

Hindsight Bias

In der Psychologie wird dieses Phänomen als Hindsight Bias oder zu deutsch Rückschaufehler bezeichnet. Dieses beschreibt die Tendenz in der Retrospektive zu überschätzen, inwieweit das eingetretene Ereignis hätte eingeschätzt werden können.

Aufgrund dieser kognitiven Verzerrung sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, die Umstände und Gründe, welche zum Ereignis geführt haben, richtig zu beurteilen. Bedeutet aber auch, dass sie diese Fehleinschätzung nicht annehmen können und somit auch aus ihren Fehlern nicht lernen können.

Von diesen kognitiven Verzerrungen oder Cognitive Bias sind unzählige in der Psychologie bekannt.

Doch was ist eigentlich ein Cognitive Bias?

Kognitive Fehler (kogn. F.) [engl. cognitive bias/error/fallacy], kogn. F. liegen vor, wenn aufgrund der Informationsverarbeitung (Wahrnehmung,  Aufmerksamkeit,  Emotionen, Motivation, Handlungsregulation, Verhaltenskontrolle) Eigenschaften der zu verarbeitenden Information systemat. verzerrt verstanden bzw. mental repräsentiert werden, und diese ggf. fehlerhafte oder suboptimale Entscheidungen oder Handlungen forcieren.

(Dorsch Lexikon der Psychologie – Kognitive Fehler)

Sozusagen unbewusste Denkfehler, welche entstehen, wenn unser Gehirn schnelle Entscheidungen treffen will.

Das menschliche Gehirn hat eine enorme Leistungsfähigkeit, aber dennoch ist es auch nicht unfehlbar und keine Maschine, welche immer nach exakt dem gleichen Schema arbeitet.

Lapidar gesagt ist unser Gehirn dafür da, um uns halbwegs gut durch den Alltag zu bringen.

In vielen Situationen sind wir zwar in der Lage, Entscheidungen ausführlich zu durchdenken und in wohlüberlegte Handlungen umzuwandeln. Würden wir dies aber bei jedem einzelnen Aspekt unseres Tages machen, wären wir wohl schnell sehr überfordert. 

Daher nutzt unser Gehirn im Alltag Abkürzungen, um schnell zu Schlussfolgerungen zu gelangen, die gut genug sind. Diese Abkürzungen werden in der Psychologie Heuristik genannt. Oft sind diese im Alltag sehr hilfreich. Allerdings sind sie eben auch fehleranfällig und können Entscheidungen negativ beeinflussen.

Damit du einige dieser kognitiven Verzerrungen/Fehler im Alltag besser erkennen kannst, habe ich dir hier einmal 5 verschiedenen zusammengefasst:

1. Confirmation Bias (Bestätigungsverzerrung)

Beschreibt die Tendenz Informationen, welche mit den eigenen Vorstellungen und Überzeugungen übereinstimmen, vornehmlich zu beachten und alle anderen zu ignorieren. Kurzum, wir sehen das bestätigt, was wir glauben wollen. Informationen werden vorgefiltert, sodass sie zur eigenen Ansicht passen.

Dieser kann sowohl durch Heuristiken als auch durch sozialen Druck oder Emotionen ausgelöst werden.

2. Halo-Effekt

Dieser Effekt hat seinen Namen vom Heiligenschein um den Kopf einer Person, welcher auf alle anderen Attribute dieser Person scheint.

Der Halo-Effekt überträgt bekannte positive Eigenschaften einer Person, eines Produktes, einer Marke auf weitere unbekannte Merkmale.

Beispielsweise wird eine Person, welche als sympathische Moderation auftritt, auch in anderen Bereichen (Organisation, Marketing, Strategie, …) mehr zugetraut als jemanden, bei dem die Chemie einfach nicht gestimmt hat. 

3. Ingroup Bias

Der Mensch funktioniert in Gruppen, daher kann es auch vorkommen, dass Personen aus der eigenen Gruppe deutlich positiver, produktiver, effizienter, intelligenter … wahrnehmen werden.

Im Alltag kann es demnach vorkommen, dass wir Menschen, die wir aus bestimmten Attributen, zum Beispiel weil sie uns ähnlich sind, zur eigenen Ingroup zählen und sie somit auch positiver beurteilen. Wohingegen Personen, welche sich deutlich von uns unterscheiden, zunächst skeptisch beurteilt werden.

4. Optimism Bias (Optimistische Voreingenommenheit)

Ein gesunder Optimismus hilft dabei immer wieder die Motivation zu finden, an festgesetzten Zielen zu arbeiten und sich selbst herauszufordern. 

Optimist Bias allerdings führt auch dazu, dass negative Ergebnisse oder Ereignisse ausgeblendet werden. Dies kann schlussendlich dazu führen, dass sehr riskante Entscheidungen getroffen werden, da die Risiken komplett unterschätzt werden.

Es entsteht nach und nach eine große Fallhöhe.

5. Anchoring (Ankerheuristik)

Unser Gehirn setzt automatisch Anker und misst andere Informationen an diesem einmal gesetzten Anker.

Hier kommt auch der Spruch „der erste Eindruck zählt“ zum Tragen. Innerhalb der ersten 3 Sekunden eines Treffens (Bewerbungsgespräch, Workshop, Meeting, Video …) setzten wir ganz unbewusst einen Anker und nehmen das Gegenüber künftig im Bezug zu unserem Eindruck in diesen ersten Sekunden wahr.


Gleiches gilt für eine Webseite. Die Informationen, welche wir als erstes wahrnehmen (durchgestrichene Preise, das Gesicht der Marke, …) beeinflussen maßgeblich die Urteils- und Entscheidungsfindung. 

Neben diesen wenigen Biases gibt es in der Psychologie noch viele weitere Konzepte, welche unser alltägliches Handeln lenken. Eine kleine Auflistung findest du hier. 


Welche sind dir bereits begegnet?

Ganz unvoreingenommen? Was kann ich tun?

Kognitive Verzerrungen können sich nie ganz vermeiden lassen. Häufig laufen sie ganz unbewusst ab und betreffen vor allem auch jeglichen Bereich unseres täglichen Handelns. 

Ein paar Dinge sind allerdings hilfreich, um sie in Schach zu halten. In der Psychologie auch als „Debiasing“ genannt.

Wahrnehmung und Reflexion

Kennst du das? Du überlegst, dir einen neuen Laptop zu kaufen, bist aber noch nicht ganz sicher und plötzlich siehst du einfach über alle Laptops? In Werbungen, auf Social Media, selbst bei deinem Lieblingscafé hängt jetzt ein Plakat vom IT-Shop neben an.

Umso mehr wir uns einer Sache bewusst sind, desto häufiger nehmen wir diese auch im Alltag wahr. Bedeutet also, wenn wir uns im Klaren darüber sind, dass viele unserer Handlungen kognitiv verzerrt sind, fallen uns diese auch mehr auf und wir können sie reflektieren.

Workshops und Trainings

Gezielte Workshops und Trainings liefern wichtige Hintergrundinformationen und Einblicke in die menschliche Kognition.

Eine klare Auseinandersetzung im Unternehmen und Team mit diesem Thema kann helfen, die Akzeptanz zu steigern. Dies unterstützt zum einen dabei mehr Empathie für die Entscheidungswege unseres Gegenübers aufzubauen, als auch gemeinsam Biases leichter zu erkennen.

Anonymisierung im HR-Bereich

Besonders im HR-Bereich haben Studien gezeigt, dass kognitive Verzerrungen eine große Rolle im Bewerbungsverfahren spielen können.

Kompetenzen und Verhalten von potenziellen Kandidat:innen können leichter beurteilt werden, wenn verzerrende Faktoren minimiert werden. Wenn wir nicht wissen, was für eine Person wir beurteilen, können wir Entscheidungen nur auf Basis der personen-ungebundenen Informationen treffen.

Fazit

Kognitive Verzerrungen können wir nicht umgehen, aber wir können ein möglichst großes Bewusstsein dafür schaffen, dass viele unserer Entscheidung durch eine ganz bestimmt Brille getroffen werden.  Regelmäßige Reflexion des eigenen Handelns und Feedback von Außen können dieses Bewusstsein unterstützen.

Daneben können Prozesse in die Unternehmenskultur eingebettet werden, welche dabei unterstützen, diversen Meinungen einen Raum zu geben. Gegebenenfalls auch weitestgehend anonymisiert.

Quellen: 

Dorsch Lexikon der Psychologie – Kognitive Fehler

APA Dictionary of Psychology – Hindsight bias

Mind Help – Types Of Cognitive Biases

HR Today – Der «Halo-Effekt» und 5 weitere kognitive Verzerrungen, die das HRM kennen sollte

SimplyPsychologie – What Is Cognitive Bias?

Hubspot – Was sind kognitive Verzerrungen? Definition und Beispiele

Usertimes – 10 Arten des Cognitive Bias im User Testing

Photo by SHVETS production

  

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